“Echte Theologie”

von Michael 

Vom 27.8.-30.8. besuchte ich die 12. Edinburgh Dogmatik Konferenz: „The Person of Christ”, organisiert vom Rutherford House, Edinburgh. Als Redner waren diverse konservativ-theologische Koryphäen geladen (u.a. aus Princeton, St. Andrews und Paris).    Mit hohen Erwartungen startete ich vorfreudig in die Konferenz und wurde leider zum Teil sehr enttäuscht. Wieso? Ich lauschte meist ausschließlich karriereorientierten theologischen Wissenschaftlern, die für einige Tage ihren Elfenbeinturm verlassen hatten und sich gegenseitig in Erkenntnissen übertrumpfen wollten. Ja, es gab äußerst löbliche Ausnahmen, Forscher, die tiefe Spiritualität und Frömmigkeit mit großem Intellekt artikulierten (z.B. Dr. Jamie Grant, Prof. Henri Blocher und Prof. Donald Macleod). Doch sie waren in der Minderheit. Metaphysisch-philosophische Spekulationen über die Identität Christi bestimmten das Bild. Was ist nur passiert? Die theologische Akademie entfernt sich immer weiter von der christlichen Gemeinde. Wolfhart Pannenberg warnte schon vor 20 Jahren vor der Entfremdung der Akademie von der Gemeinde:„Die Universitätstheologie arbeitet oft in einem gewissen Abstand vom Leben der christlichen Frömmigkeit. Das muß nicht notwendigerweise Ausdruck einer Entfremdung des Intellektuellen vom religiösen Le­ben sein, obwohl solche Entfremdung nicht allzu selten sein mag. Die spezifisch akademische Distanz der Theologie vom religiösen Leben ist in erster Linie eine Folge der Anforderungen historischer Untersu­chung und philosophischer Reflexion. Beide gehören zum Ausweis der akademischen Kompetenz des Theologen, und so mag theologi­sche Arbeit in vielen Fällen versunken sein in historische Details oder in der Entwicklung einer zusammenhängenden, möglichst genauen und einheitlichen systematischen Reflexion, als ob es sich dabei um Selbstzwecke handeln würde. Das Ansehen des Theologen als eines Gelehrten wird zum großen Teil nach solchen technischen Fähigkeiten beurteilt. Aber echte Theologie ist darüber hinaus immer gekenn­zeichnet gewesen durch die Fähigkeit, zentrale Motive des christlichen Glaubens so anzusprechen, daß die technischen Probleme der theolo­gischen Sprache dabei zurücktreten.“ Ehrlich gesagt, solch eine „echte Theologie“ hätte ich mir auf der Konferenz gewünscht. Ich wünsche mir mehr „echte Theologie“! Pannenberg plädiert weiter für einen „emotional engagierten Theologen, […] der durch die Verbindung seiner theologischen Ar­beit mit einer bestimmten Färbung christlicher Frömmigkeit wirksam wird, in besonderer Weise den Zusammenhang von Lehre und Fröm­migkeit.“ Es gilt eine Brücke zu schlagen zwischen Lehre und Frömmigkeit, zwischen Dogmatik und Spiritualität. Forscher im Elfenbeinturm sollten die Hängebrücke herunterlassen und sich herablassen, mit einfachen Worten ihre tiefen Erkenntnisse dem „einfachen“ Volk beizubringen.  Sowohl die Kirchenväter als auch die Reformatoren waren nicht nur Gelehrte sondern auch, und zwar zuerst, Prediger, Verkündiger des Wortes. Und das wollen wir doch sein: gelehrte Prediger, die vollmächtig Gottes Wort verkünden. Gottes Wort sollte niemals nur studiert sondern vor allem proklamiert werden! Lasst uns dafür eintreten!Wolfhart Pannenberg. Christliche Spiritualität. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1986, S.5-6.  

Johann Franck: Freude im Glauben

Nach längerer Zeit wieder mal ein Zwischenruf in der Kategorie Glaube: Freude! Was hat sie mit dem Glauben zu tun? Martin Luther nennt sie den “Doktorhut des Glaubens”. Aber Freude – mehr als Vergnügen, wie Grimms Wörterbuch der Deutschen Sprache definiert -, scheint gerade in einer vergnügungsreichen Zeit zu einem immer knapperen Gut zu werden. Umgekehrt haben Christen gerade in vergnügungsarmen oder -freien Zeiten tiefe Freude in Gott erlebt.

Ein leuchtendes Beispiel ist der Jurist und Dichter Johann Franck (1618-1677). Im Jahr 1618, dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges, in der Kleinstadt Guben in der Niederlausitz geboren, hat er als Zweijähriger seinen Vater verloren. Für mehr als die Hälfte seines Lebens hat er nichts als ununterbrochenen Krieg gekannt – einen Krieg im Namen Gottes, der drei Viertel der damals 16 Millionen Menschen in Deutschland ausgerottet hat. Franck hat dennoch im Jahr des Westfälischen Friedens 1648 die Kraft gefunden, zunächst als Ratsherr, dann 1661 als Bürgermeister der Stadt Guben politische Verantwortung zu übernehmen und seine Heimatstadt ab 1671 im Landtag zu vertreten. Einen Einblick in sein inneres Leben gewährt sein vielleicht bekanntestes Lied:

Jesu, meine Freude
1. Jesu, meine Freude,
meines Herzens Weide,
Jesu, meine Zier.
Ach, wie lang, ach lange
ist dem Herzen bange,
und verlangt nach dir!
Gottes Lamm, mein Bräutigam,
außer dir soll mir auf Erden
nichts sonst Liebers werden.
2. Unter deinem Schirmen
bin ich vor den Stürmen
aller Feinde frei.
Laß den Satan wittern,
laß den Feind erbittern,
mir steht Jesus bei!
Ob es itzt gleich kracht und blitzt,
ob gleich Sünd und Hölle schrecken;
Jesus will mich decken.
3. Trotz dem alten Drachen,
trotz es Todes Rachen,
trotz der Furcht darzu!
Tobe, Welt, und springe;
ich steh hier und singe
in gar sichrer Ruh!
Gottes Macht hält mich in acht;
Erd und Macht muß verstummen,
ob sie noch so brummen.
4. Weg mit allen Schätzen,
du bist mein Ergötzen,
Jesu, meine Lust!
Weg, ihr eitlen Ehren,
ich mag euch nicht hören,
bleibt mir unbewußt!
Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod
soll mich, ob ich viel muß leiden,
nicht von Jesu scheiden.
5. Gute Nacht, o Wesen,
das die Welt erlesen,
mir gefällst du nicht!
Gute Nacht, ihr Sünden,
bleibet weit dahinten,
kommt nicht mehr ans Licht!
Gute Nacht, du Stolz und Pracht!
Dir sei ganz, du Lasterleben,
gute Nacht gegeben.
6. Weicht, ihr Trauergeister,
denn mein Freudenmeister,
Jesus, tritt herein.
Denen, die Gott lieben
muß auch ihr Betrüben
lauter Sonne sein.
Duld ich schon hier Spott und Hohn,
dennoch bleibst du auch im Leide,
Jesu meine Freude.

 

Das Lied ist zunächst ein sehr persönliches Bekenntnis und dennoch eine provokative, jedenfalls herausfordernde Aussage zum Thema Freude in freudloser Zeit.

Die in Vers 1 angesprochene Sehnsucht nach dem guten Hirten, der selbst ein Lamm wurde, das die Sünde der Welt trägt (Joh 1, 29) und nun auf dem Thron sitzt (Offb. 5, 13), erinnert an Augustinus und seinen berühmten Ausspruch vom Herzen, das unruhig ist, bis es Ruhe in Gott findet (inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te: Confessiones I, 1).

Verse 2 und 3 sprechen vom Schutz gegen äußere und innere Angriffe. Die Erfahrung, daß es “itzt gleich kracht und blitzt”, hat der Schreiber vermutlich oft in seinem Leben gemacht. Das unerschütterliche Vertrauen im Angesicht permanenter Todesgefahr ist tatsächlich “über alle Vernunft” (Phil. 4, 7) und mag bei dem einen Staunen oder Kopfschütteln, beim anderen Sehnsucht nach diesem Frieden hervorrufen.

Die Abwendung von Freuden und Nöten der Welt (Verse 4 und 5) müßte verkrampft erscheinen, würde nicht die Zeile “Du bist mein Ergötzen” auf etwas Größeres, die irdischen Dinge Relativierendes hindeuten. Tatsächlich hat Johann Franck den Schatz im Acker (Mt. 13, 44) gefunden, um dessentwillen alle Schätze der Welt mit Freude dahingegeben werden – in dem Bewußtsein, daß der größte Schatz unverlierbar ist; daher auch die Anklänge an Römer 8, 38 f.

Spricht der letzte Vers ganz im Sinne von Römer 8, 28 davon, daß “auch ihr Betrüben lauter Sonne sein” müsse, ist allerdings vor dem Mißverständnis einer erzwungenen Freude um jeden Preis zu warnen. Nicht dem Leidenden, sondern den Dingen wird befohlen. Etwas freundlicher als bei Luther klingt Römer 8, 28 in der Einheitsübersetzung:

Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind.

Von dieser Gewißheit ist offenbar auch Johann Franck erfüllt. Das Lied zeugt deshalb von einer übernatürlichen Freude, die sicher nicht erzwungen werden kann; allerdings können einige Hindernisse, die hier angesprochen werden, beseitigt werden: Furcht, Weltsinn, Sünde, Trauer – das ganze Paket von Hebr. 12, 1 f.

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