Nach längerer Zeit wieder mal ein Zwischenruf in der Kategorie Glaube: Freude! Was hat sie mit dem Glauben zu tun? Martin Luther nennt sie den “Doktorhut des Glaubens”. Aber Freude – mehr als Vergnügen, wie Grimms Wörterbuch der Deutschen Sprache definiert -, scheint gerade in einer vergnügungsreichen Zeit zu einem immer knapperen Gut zu werden. Umgekehrt haben Christen gerade in vergnügungsarmen oder -freien Zeiten tiefe Freude in Gott erlebt.
Ein leuchtendes Beispiel ist der Jurist und Dichter Johann Franck (1618-1677). Im Jahr 1618, dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges, in der Kleinstadt Guben in der Niederlausitz geboren, hat er als Zweijähriger seinen Vater verloren. Für mehr als die Hälfte seines Lebens hat er nichts als ununterbrochenen Krieg gekannt – einen Krieg im Namen Gottes, der drei Viertel der damals 16 Millionen Menschen in Deutschland ausgerottet hat. Franck hat dennoch im Jahr des Westfälischen Friedens 1648 die Kraft gefunden, zunächst als Ratsherr, dann 1661 als Bürgermeister der Stadt Guben politische Verantwortung zu übernehmen und seine Heimatstadt ab 1671 im Landtag zu vertreten. Einen Einblick in sein inneres Leben gewährt sein vielleicht bekanntestes Lied:
Jesu, meine Freude
1. Jesu, meine Freude,
meines Herzens Weide,
Jesu, meine Zier.
Ach, wie lang, ach lange
ist dem Herzen bange,
und verlangt nach dir!
Gottes Lamm, mein Bräutigam,
außer dir soll mir auf Erden
nichts sonst Liebers werden.
2. Unter deinem Schirmen
bin ich vor den Stürmen
aller Feinde frei.
Laß den Satan wittern,
laß den Feind erbittern,
mir steht Jesus bei!
Ob es itzt gleich kracht und blitzt,
ob gleich Sünd und Hölle schrecken;
Jesus will mich decken.
3. Trotz dem alten Drachen,
trotz es Todes Rachen,
trotz der Furcht darzu!
Tobe, Welt, und springe;
ich steh hier und singe
in gar sichrer Ruh!
Gottes Macht hält mich in acht;
Erd und Macht muß verstummen,
ob sie noch so brummen.
4. Weg mit allen Schätzen,
du bist mein Ergötzen,
Jesu, meine Lust!
Weg, ihr eitlen Ehren,
ich mag euch nicht hören,
bleibt mir unbewußt!
Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod
soll mich, ob ich viel muß leiden,
nicht von Jesu scheiden.
5. Gute Nacht, o Wesen,
das die Welt erlesen,
mir gefällst du nicht!
Gute Nacht, ihr Sünden,
bleibet weit dahinten,
kommt nicht mehr ans Licht!
Gute Nacht, du Stolz und Pracht!
Dir sei ganz, du Lasterleben,
gute Nacht gegeben.
6. Weicht, ihr Trauergeister,
denn mein Freudenmeister,
Jesus, tritt herein.
Denen, die Gott lieben
muß auch ihr Betrüben
lauter Sonne sein.
Duld ich schon hier Spott und Hohn,
dennoch bleibst du auch im Leide,
Jesu meine Freude.
Das Lied ist zunächst ein sehr persönliches Bekenntnis und dennoch eine provokative, jedenfalls herausfordernde Aussage zum Thema Freude in freudloser Zeit.
Die in Vers 1 angesprochene Sehnsucht nach dem guten Hirten, der selbst ein Lamm wurde, das die Sünde der Welt trägt (Joh 1, 29) und nun auf dem Thron sitzt (Offb. 5, 13), erinnert an Augustinus und seinen berühmten Ausspruch vom Herzen, das unruhig ist, bis es Ruhe in Gott findet (inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te: Confessiones I, 1).
Verse 2 und 3 sprechen vom Schutz gegen äußere und innere Angriffe. Die Erfahrung, daß es “itzt gleich kracht und blitzt”, hat der Schreiber vermutlich oft in seinem Leben gemacht. Das unerschütterliche Vertrauen im Angesicht permanenter Todesgefahr ist tatsächlich “über alle Vernunft” (Phil. 4, 7) und mag bei dem einen Staunen oder Kopfschütteln, beim anderen Sehnsucht nach diesem Frieden hervorrufen.
Die Abwendung von Freuden und Nöten der Welt (Verse 4 und 5) müßte verkrampft erscheinen, würde nicht die Zeile “Du bist mein Ergötzen” auf etwas Größeres, die irdischen Dinge Relativierendes hindeuten. Tatsächlich hat Johann Franck den Schatz im Acker (Mt. 13, 44) gefunden, um dessentwillen alle Schätze der Welt mit Freude dahingegeben werden – in dem Bewußtsein, daß der größte Schatz unverlierbar ist; daher auch die Anklänge an Römer 8, 38 f.
Spricht der letzte Vers ganz im Sinne von Römer 8, 28 davon, daß “auch ihr Betrüben lauter Sonne sein” müsse, ist allerdings vor dem Mißverständnis einer erzwungenen Freude um jeden Preis zu warnen. Nicht dem Leidenden, sondern den Dingen wird befohlen. Etwas freundlicher als bei Luther klingt Römer 8, 28 in der Einheitsübersetzung:
Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind.
Von dieser Gewißheit ist offenbar auch Johann Franck erfüllt. Das Lied zeugt deshalb von einer übernatürlichen Freude, die sicher nicht erzwungen werden kann; allerdings können einige Hindernisse, die hier angesprochen werden, beseitigt werden: Furcht, Weltsinn, Sünde, Trauer – das ganze Paket von Hebr. 12, 1 f.
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